Kaffeehaus – Bahnstraße Nr. 5

Nachfolgend ein Beitrag über die wechselvolle Geschichte des Hauses Bahnstraße Nr. 5:

Café Schindler (1900-1906)

Das Areal der heutigen Häuser Bahnstraße Nr. 5 und 7 bzw. der unmittelbar dahinterliegenden Grundstücke in der Gspanngasse gehörte ursprünglich zum weitläufigen Komplex des alten Mistelbacher Spitals. Wohl um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die einst zum Spital gehörigen Gründe veräußert und im eingangs erwähnten Bereich fand sich Ende des 19. Jahrhunderts ein Holzlagerplatz, zuletzt im Besitz des jüdischen Holzhändler Abeles. Dieser nutzte mittlerweile andere Betriebsgründe in Mistelbach und hatte daher das Gelände 1896 veräußert. Zwei Jahre später erwarb Baumeister Josef Dunkl jun. einen Teil dieser Gründe und errichtete 1899 darauf das Haus Bahnstraße (um die Jahrhundertwende auch „Eisenbahnstraße“ genannt) Nr. 5. Das Haus wurde als Kaffeehaus entworfen und gebaut und am 1. Jänner 1900 eröffnete Franz Schindler darin sein Kaffeehaus.1 Schindler war lediglich eingemietet und das Gebäude stand weiterhin im Besitz des späteren Bürgermeisters Dunkl.

Eröffnungsanzeige aus der Zeitung "Bote aus Mistelbach"Eröffnungsanzeige aus der Zeitung „Bote aus Mistelbach

Die Erwähnung in obiger Eröffnungsanzeige, dass es sich um das „erste Kaffeehaus in Mistelbach“ handle ist allerdings nicht korrekt. Zwar gab es zum damaligen Zeitpunkt kein anderes Kaffeehaus in der Stadt, aber schon zuvor, nämlich von etwa Mitte der 1850er bis jedenfalls Anfang der 1880er Jahre existierte in der Oberhoferstraße Nr. 16 (=KNr. 1) ein Kaffeehaus, das von der Familie Jechtl begründet wurde2, das von der Familie Jechtl begründet und von dieser bis in die 1870er Jahre geführt wurde.3 Mitte der 1880er dürfte sich das Kaffeehaus dann zu einem Gasthaus gewandelt haben, das bis in die 1970er Jahre bestand, zuletzt als Gasthaus Habich (nach den Vorbesitzern aber auch lange noch als „Antrey-Wirtshaus“ bekannt).4

 

Das Café Schindler um 1900/1901Das Kaffeehaus um 1900/01

Das Café Schindler orientierte sich am Stil der Wiener Kaffeehäuser, die damals ihre Hochblüte hatten, und ob des begrenzten Raumes im Erdgeschoss – eine bauliche Erweiterung erfolgte erst in den 1930er Jahren – sollen anfangs auch im 1. Stockwerk Lokalitäten für Vereine zur Verfügung gestanden haben.5 Im Juli 1903 legte Schindler die Gewerbekonzession für den Betrieb des Kaffeehauses zurück und selbiges wurde fortan von seiner Gattin Rosa Schindler geführt.6 Franz Schindler tritt danach nicht mehr in Erscheinung.

 

Café Rössler (1906-1911)

Im Februar 1906 kam es zu einem Betreiberwechsel: Heinrich Rössler (*1878, †1933) übernahm das Kaffeehaus von Frau Schindler und Rössler dehnte die täglichen Öffnungszeiten auf den Zeitraum zwischen halb 6 Uhr früh bis 2 Uhr nachts aus.7

Das Café Rössler zwischen 1906 und 1911Das Café Rössler zwischen 1906 und 1911

Zu einem richtigen Kaffeehaus gehörte damals das Billardspiel (Karambol), das schon im 19. Jahrhundert auch im Kaffeehaus Jechtl angeboten wurde und selbiges dürfte auch hier von Beginn an zur Ausstattung gehört haben. Der neue Eigentümer Rössler, laut Einschätzung des Berichterstatters im „Mistelbacher Bote“ vermutlich der beste Billardspieler des Bezirks8, konnte im April 1911 den  berühmten Wiener Billardkünstler Georg Pfeiler in seinem Lokal begrüßen.9 Der professionelle Billardspieler Pfeiler zählte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts zu den besten Spielern Österreichs und war auch international für sein Kunstspiel bekannt.10 Im Café Rössler zeigte er sein Können und die besten Billardspieler Mistelbachs waren eingeladen sich bei Gewährung eines gewaltigen Punkte-Vorsprungs mit dem Meister zu messen. Wenig überraschend fanden sich in den nächsten Ausgaben des „Mistelbacher Bote“ keine Berichte über Sensationssiege von Herausforderern.

 

Bereich unmittelbar nach dem Eingang rechts im Lokal Cafetier Heinrich Rössler fürhte gerade einen Stoß ausDer Bereich rechterhand des Eingangs zur Zeit des Café Rössler. Bis Ende der 1950er Jahre befand sich der Billardtisch in diesem Bereich des Kaffeehauses. Bei dem stoßausführenden Herrn dürfte es sich um den Cafetier Rössler selbst handeln.

 

Eine weitere Innenansicht aus dem Café Rössler - unmittelbar nach dem Eingang gerade ins Lokal fotografiert - die Kante des Billartisches ist am rechten Bildrand erkennbar, ebenso wie die Queues hinter dem OberEine weitere Innenansicht des Café Rössler – unmittelbar nach dem Eingang gerade ins Lokal fotografiert – die Kante des Billardtisches ist am rechten Bildrand erkennbar, ebenso wie die Queues hinter dem Ober; bei dem großgewachsenen Herrn hinter der Theke handelt es sich um den Cafetier Heinrich Rössler.

Auch Heinrich Rössler veräußerte den Kaffeehaus im Juni 1911 an Alois Kiesling, und eröffnete im Oktober desselben Jahres in der Mitschastraße das erste Kino der Stadt Mistelbach.

 

Café Kiesling (1911-1919)

Im Juni 1911 erwarben Alois (*1883, †1972) und Anna Kiesling das vormalige Cafe Rössler11 Sie übernahmen jedoch nicht nur den Kaffeehausbetrieb, sondern kauften das Gebäude von Dunkl und waren damit die ersten Betreiber, die auch Eigentümer des Hauses waren.12 Kiesling stammte aus Wolkersdorf, wo sein Vater  von 1874 bis 1912 das Gasthaus beim Bahnhof (zuletzt Gasthaus Reich) betrieb. Nachdem Kiesling das Kaffeehaus 1919 an Heinrich Rabenseifner veräußert hatte, scheint ein Mann namens Alois Kiesling ab 26. August 1925 als Pächter des Hotel Rieder in der Bahnstraße auf und führte dieses bis 1931. Mit ziemlicher Sicherheit dürfte es sich dabei um den vormaligen Cafetier Kiesling gehandelt haben. Womit er sich zwischen dem Verkauf des Kaffeehauses und der Übernahme des Hotel Rieder verdingt hat ist unklar, allerdings ist durch sein reges Engagement im Mistelbacher Vereinsleben (Kriegsheimkehrerverband, Schützenverein, Musikverein) belegt, dass er auch in der dazwischen liegenden Zeit in Mistelbach ansässig war.

 

Café Rabenseifner (1919-1956)

Heinrich (*1884, †1967) und Hermine Rabenseifner folgten der Familie Kiesling mit 1. Juli 1919 als Eigentümer und Betreiber nach13. Zuvor hatte Rabenseifner das vis-á-vis gelegene traditionsreiche Gasthaus „Zum weißen Rössl“ geführt, dass sich zuvor seit 1799 im Familienbesitz befunden hatte. Unter Rabenseifner wurden größere Fenster eingebaut und 1932 erfolgte der Anbau des Spielzimmers (hinterer Trakt des Lokals)14, und dieser Zubau ist auch heute noch gut erkennbar, da er nur aus einem Erdgeschoss besteht. Die umfassende Neugestaltung des Jahres 193515, wurde ein Jahrzehnt später während der Kämpfe um Mistelbach Mitte April 1945 zunichte gemacht und das Kaffeehaus laut einem Zeitungsbericht „arg zugerichtet“. Doch binnen weniger Monate konnte das Lokal wiederhergestellt und der Betrieb erneut aufgenommen werden.16 Die Ära Rabenseifner endete am 31. Oktober 1956.

 

Café Beck (1956-1958)

Ab 1. November 1956 scheint als Betreiberin eine Frau namens Ditta Beck auf17, zweifellos eine Verwandte der nunmehrigen Eigentümerin des Hauses Maria Beck (*1906, †2002), auf deren Namen auch die Konzession zum Betrieb des Kaffeehauses lautete.18 Das Lokal wurde nunmehr unter dem Namen Café Beck geführt, ehe es ab Frühjahr 1958 verpachtet wurde.

Ankündigung der Silvesterfeier im Café Beck zur Jahreswende 1956/57
(Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 50/1956, Anzeigenteil)

 

Café M. Heindl (1958-1968)

Michael und Inge Heindl pachteten das Kaffeehaus im April 1958 und eröffneten es nach einmonatiger Schließung, während der eine umfassende, moderne Neugestaltung des Lokals erfolgte.19 Wohl um Verwechslungen mit dem Stadtcafe von Lorenz Heindl in der Franz Josef-Straße zu vermeiden, war das Lokal weiterhin unter dem etablierten Namen Café Rabenseifner bekannt20 bzw. teils wurde es zur Abgrenzung auch „Heindl-Rabenseifner“ genannt.

Innenansicht des 1958 neueröffneten Café Heindl vom hinteren Bereich des Lokal Richtung EingangInnenansicht des 1958 neueröffneten Café M. Heindl vom hinteren Bereich des Lokal Richtung Eingang

Blick in den hinteren Bereich des Lokal: Spielzimmer mit Billardtischen und Fernseher an der Rückwand

Blick in den hinteren Bereich des Lokal: Spielzimmer mit Billardtischen und Fernseher an der Rückwand

Das Café Rabenseifner im Jahre 1967Das Café Heindl im Jahre 1967

Mit der Schließung des Café Heindl im März 1968 endete die 68 Jahre währende Nutzung des Gebäudes als Kaffeehaus – vorerst. Laut einem Bericht der Weinviertler Nachrichten wäre Heindl an der Weiterführung des Lokals und damit an einer Fortsetzung des Pachtverhältnisses interessiert gewesen, allerdings konnte er sich dem Vernehmen nach in finanziellen Belangen nicht mit der Eigentümerin einigen.21

 

Konsum (1968-1978)

1968 mietete sich die Konsumgenossenschaft Wien und Umgebung (KGW) – kurz „Konsum“ – ein und verlegte hierher das zuvor in der Franz Josef-Straße Nr. 54 beheimatete Verkaufsgeschäft, das an der neuen Adresse als Selbstbedienungsladen geführt wurde.22 1978 wurden die regionalen Konsumgenossenschaften unter dem Namen „Konsum Österreich“ fusioniert und der neue Dachverband erwarb das erst zwei Jahre zuvor neueröffnete „Plus-Kauf“ Warenhaus23 in der Mitschastraße (heute: BILLAplus). Statt der Filiale in der Bahnstraße wurde nunmehr ein Konsum-Großmarkt (KGM) in der vormaligen „Plus-Kauf“ Filiale eingerichtet.

Das vormalige Kaffeehaus als Geschäftslokal der KonsumgenossenschaftDas Kaffeehaus als Konsum Filiale (1970er Jahre)

 

TILA (ca. 1979-1982)

Danach, also etwa von 1979 bis 1982, befand sich an der Adresse Bahnstraße Nr. 5 ein Verkaufsgeschäft der Bekleidungsfabrik TILA, die in Mistelbach eine Produktionsstätte in der ehemaligen Pinselfabrik in der Bahnzeile unterhielt.

Das Erscheinungsbild nach der Schließung des Bekleidungsgeschäfts TILA, kurz bevor es sich zum Café Harlekin wandelteDas Erscheinungsbild nach der Schließung des Bekleidungsgeschäfts TILA, kurz bevor es sich zum Café Harlekin wandelte

Café Harlekin (seit 1983)

Am 1. Juli 1983 eröffneten Reinhard und Walter Kruspel hier schließlich das bis heute bestehende Café Harlekin und knüpften damit wieder an die Kaffeehaustradition dieses Hauses an. Später trennten sich die Wege der Gründer und durch die Umgestaltung der Thomas Freund-Gasse zur Fußgängerzone im Jahre 1990 wurde der Schanigarten in der heute bekannten Form möglich.

Das Innere des Café Harlekin kurz nach der Eröffnung im Sommer 1983Das Innere des Café Harlekin kurz nach der Eröffnung im Sommer 1983

 

Exkurs: Die Anfänge der Eis-Tradition

Die älteste Spur der Speiseeisherstellung in Mistelbach findet sich in einem Inserat aus dem Jahr 1882 in der Lokalzeitung „Illustrirter Bezirks-Bote„, in dem Ferdinand Scholz, der von 1874 bis 1884 auf Hauptplatz Nr. 11 (danach bis 1938 Fam. Löffler, heute: Volksbank) eine Delikatessen-Handlung betrieb24, „täglich frisches Gefrornes“ (sic!) anbot.25 Gefrorenes ist ein heute veralteter Ausdruck für Speiseeis. Im Kaffeehaus selbst ist die Herstellung von Speiseeis durch Heinrich Rabenseifner jedenfalls bereits in der Zwischenkriegszeit belegt.

Ein Ausschnitt einer humoristischen Mehrbild-Postkarte legt jedoch den Schluss nahe, dass die Tradition der Speiseeisherstellung wahrscheinlich schon auf Kiesling zurückgehen dürfte, möglicherweise sogar bereits auf Rössler. Untenstehende Postkarte entstand vermutlich Anfang der 1910er Jahre, denn derartige Jux-Postkarten waren in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg sehr populär. Aufgrund der Abbildung des Landesbahnhofs bzw. der ebenfalls erkennbaren Schießstätte im Bereich des heutigen Schützenwegs kann diese Karte jedenfalls erst nach 1906 entstanden sein.

Eine Jux-Postkarte geschrieben aus der Perspektive eines jungen Mädchens, vermutlich aus den 1910er Jahren vor Beginn des 1. WeltkriegsEine Jux-Postkarte, geschrieben aus der Perspektive eines jungen Mädchens, vermutlich aus der Zeit Anfang der 1910er Jahre; darunter der relevante Bildausschnitt, der einen Hinweis auf den Beginn der Speiseeisherstellung liefert

Die Bildunterschrift lautet: „Das ist die Bahnstraße mit unserer Schule und dem Cafehaus. Dort kriegt man auch Gefrorenes (Anm.: Speiseeis), nämlich im Cafehaus.“

Im Vordergrund die prachtvolle Zinshäuser Bahnstraße 1 (Josef Dunkl jun. bzw. später Fam. Freund) und 1a (Stadtsekretärs Alexander Zickl), die im 2. Weltkrieg zerstört wurden. Dahinter die Mädchenschule und ganz klein im Hintergrund – aufgrund des markanten Türmchens dennoch erkennbar – das Kaffeehaus.

Bildnachweise:
-) Kaffeehaus Schindler (Ausschnitt aus Mehrbildkarte), Außenansicht Café Rössler & Postkarte „Gruss aus Mistelbach“ aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl – digitalisiert und zur Verfügung gestellt von Herrn Otmar Biringer
-) Innenansichten Café Rössler – ausgestellt im Café Harlekin
-) Innenansichten Café Heindl – Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 29/1958, S. 4
-) Café Heindl – Göstl-Archiv
-) Bekleidungsgeschäft Tila & Innenansicht Harlekin – zur Verfügung gestellt von Reinhard Kruspel

Quellen:

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Ziegelstätte (Kettlasbrunn)

Lehmgruben und Ziegelöfen sind im Weinviertel aufgrund des lehmreichen Bodens weitverbreitet und beinahe jedes Dorf verfügte im Lauf der Jahrhunderte über mehrere solcher Ziegelproduktionsstätten. Bereits für das Jahr 1537 scheint die Existenz von zwei frühen Ziegelöfen in Kettlasbrunn durch Dokumente im niederösterreichischen Landesarchiv belegbar zu sein.26 In seiner Publikation „Ziegelöfen und Lehmabbaue der politischen Bezirke Mistelbach und Gänserndorf“ führt der Verfasser Herr Christian F. Ramml vier Ziegelöfen an, die im Laufe der Zeit hier bestanden, wobei ein Standort nicht näher überliefert ist. Die jüngste Ziegelei entstand 1904 als die Kettlasbrunner Familien Schwarzmayer (Nr. 26), Pribitzer (Nr. 61), J. Schwarzmann (Nr. 99), Rabenreither (Nr. 100) und M. Schwarzmann (Nr. 101) mittels Gesellschaftsvertrag die „Ziegeleigenossenschaft Kettlasbrunn“ gründeten. Deren Standort befand sich südlich des Dorfs am Ende der heutigen Straße „Ziegelstätte“, und der in die Genossenschaft eingebrachte Grundbesitz erstreckte sich von hier bis zu den Kellern der Blumenthalerstraße. 1916 erwarb Johann Pribitzer sämtliche Genossenschaftsanteile und gelangte somit in den Alleinbesitz der Ziegelei. Bis 1931 ist deren Betrieb belegt27, die Ziegelherstellung dürfte jedoch bald darauf, etwa zur Mitte dieses Jahrzehnts eingestellt worden sein28. Laut dem Häuserverzeichnis von OSR Leisser, dem Verfasser der Ortsgeschichte aus dem Jahr 1989, soll sich im Bereich des heutigen Hauses Postgasse Nr. 6 (zuvor Nr. 178) jedoch schon im 19. Jahrhundert ein Ziegelofen der Familie Rath befunden haben.29 Dieser Standort, damals unmittelbar am Ortsrand gelegen, würde erklären, weshalb das Gebiet bereits schon hier (dem Beginn der gegenständlichen Straße und in einiger Entfernung zum Genossenschaftsziegelofen) als „Ziegelgstetten“ bezeichnet wurde. Möglicherweise handelt es sich dabei gar um jenen Ziegelofen, dessen Lage bei Ramml nicht verortet werden konnte.30 Allerdings ist auf altem Kartenmaterial in diesem Gebiet kein Ziegelofen ersichtlich.

2004 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat im Zuge der Einführung von Straßennamen in der Katastralgemeinde Kettlasbrunn, die zur einstigen Ziegelei führende Straße in Anlehnung an die für dieses Areal umgangssprachlich gebräuchliche Bezeichnung „Ziegelstätte“ zu benennen.31 Neben dem Straßennamen erinnert heute lediglich die noch erkennbare Lehmabbaukante auf dem teilweise mit Einfamilienhäusern verbauten Gebiet an dessen einstige Nutzung zum Zwecke der Ziegelproduktion.

Wo befindet sich die Straße „Ziegelstätte“?

 

Quellen:
-) Ramml, Christian Ferdinand: Ziegelöfen und Lehmabbaue der politischen Bezirke Mistelbach und Gänserndorf (Niederösterreich): Geschichte und Geologie – Archiv für Lagerstättenforschung, Band 27 (2014), S. 321f

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Försterweg

Laut dem „Nachtrags-Häuserverzeichnis“ in Fitzkas Nachtrags- und Ergänzungsband zur Geschichte der Stadt Mistelbach reichte die Bebauung der linken Seite der Oberhoferstraße im Jahre 1912 bereits bis zur Einmündung der Franz Josef-Straße.32 In diesem oberen Bereich der Oberhoferstraße hatte der Mistelbacher Gemeindeförster Martin Sklenař jun. im Jahr 1900 sein Haus an der Adresse Oberhoferstraße Nr. 99 errichtet.33 Der Bauplatz für Nr. 97 kam als Garten zu Sklenařs Haus und auf der Parzelle für Nr. 95, zwischen Sklenař und dem Haus Oberhoferstraße Nr. 93 (damals Anton Platschka), wurde schließlich ein Verbindungsweg zwischen der Franz Josef-Straße und der Oberhoferstraße – der heutige Försterweg – geschaffen. Dieser laut damaligem Gemeindeausschuss-Beschluss „neueröffnete Verbindungsweg“ erhielt im September 1911 zunächst den Namen „Flurgasse“34, bevor 1913 der bisherige Name der unteren Waisenhausstraße (zwischen Waldstraße und Winzerschulgasse) „Feldgasse“ auf ihn übertragen wurde.35

Das Haus von Forstmeister Martin Sklenař jun. in der Oberhoferstraße Nr. 99, das an den Försterweg angrenzt, war bis 1957 auch Sitz der Forstverwaltung der Gemeinde. Der Hirschkopf über der Toreinfahrt weist noch heute auf den einstigen Wohnsitz des Gemeindeförsters hin.Das Haus von Forstmeister Martin Sklenař jun. in der Oberhoferstraße Nr. 99, das an den Försterweg angrenzt, war bis 1957 auch Sitz der Forstverwaltung der Gemeinde. Der Hirschkopf über der Toreinfahrt weist noch heute auf den einstigen Wohnsitz des Gemeindeförsters hin.

Von 1850 bis 1975, also 125 Jahre und über drei Generationen lag die Betreuung des Gemeindewaldes in den fachkundigen Händen der Försterfamilie Sklenař. Trotzdem sich der Wohnsitz des ab 1935 tätigen Forstmeisters Ing. Oskar Sklenař später andernorts befand, blieb die Forstverwaltung der Gemeinde bis Ende des Jahres 1957 in seinem Elternhaus in der Oberhoferstraße untergebracht, ehe deren Sitz ins Amtsgebäude auf dem Hauptplatz verlegt wurde.36

Am 30. Oktober 1978 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat den Verbindungweg zwischen Oberhoferstraße und Franz Josef-Straße zur Erinnerung an den einst hier wohnhaften Gemeindeförster Martin Sklenař jun. bzw. die hier vormals beheimatete Forstverwaltung „Försterweg“ zu benennen.37

Da der als Einbahn geführte Försterweg eine reine Verbindungsstraße ist und nicht Teil einer Hausadresse, dürfte der Beschluss des Gemeindeausschusses (=Gemeinderat) aus dem Jahr 1913 über die Benennung als „Feldgasse“ im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten sein und nachdem 1968 in der erweiterten Schloßbergsiedlung eine Straße „Feldgasse“ benannt wurde, gab es zwischen 1968 und 1978 also faktisch zwei Straßen mit gleichem Namen.

Wo befindet sich der Försterweg?

 

Bildnachweis: Thomas Kruspel (2018)

Quellen:

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Feldgasse

Im Zuge des Ausbaus der Schloßbergsiedlung wurde eine dort neu angelegte Straße mit Beschluss des Gemeinderates vom 17. Dezember 1968 „Feldgasse“ benannt.38 Tatsächlich handelt sich bereits um die dritte Gasse diesen Namens in der Geschichte der Stadt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Haus mit der Konskriptionsnummer 151 in der Waldstraße abgebrochen und an dessen Stelle eine Verbindungsstraße zur Winzerschulgasse geschaffen. Diese Straße, die dem unteren Teil der heutigen Waisenhaustraße entspricht, erhielt mit Einführung der Straßennamen 1898 den Namen „Feldgasse“.39 Durch die Eröffnung des oberhalb dieses Straßenabschnitts gelegenen Bezirks-Waisenhauses im Jahre 1910 und dem etwa zeitgleich erfolgten Ausbau zur Bezirksstraße, und damit zur Hauptverkehrsverbindung nach Eibesthal, gewann diese Straße an Bedeutung und der neue Name „Waisenhausstraße“ wurde im Oktober 1913 schließlich auch auf die vormalige Feldgasse erstreckt. Mit dem selben Beschluss des Gemeindeausschusses (=Gemeinderat) wurde der Name „Feldgasse“ auf den heutigen Försterweg, der zuvor „Flurgasse“ hieß, übertragen.40 Zweitere Namensgebung dürfte im Laufe der Jahre wohl in Vergessenheit geraten sein, was allerdings nicht weiter verwundert, handelt es sich doch nur um einen kurzen Verbindungsweg zwischen Franz Josef-Straße und Oberhoferstraße und dieser Straßenname war auch nie Teil einer Hausadresse. Da der Försterweg seinen heutigen Namen erst 1978 erhielt, gab es zwischen 1968 und 1978 faktisch zwei Straßen mit gleichem Namen, was jedoch aus oben angeführten Gründen scheinbar nicht weiter auffiel. Gemein war allen drei Straßen, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Benennung als „Feldgasse“, am Stadtrand lagen und zu landwirtschaftlich genutzten Feldern führten bzw. unmittelbar an solche angrenzten.

Wo befindet sich die Feldgasse?

 

Quellen:

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Alfons Petzold-Straße

Anfang der 1960er Jahre wurde neben dem damals neuen Altersheim in der Liechtensteinstraße (heute: Pflege- und Betreuungszentrum Mistelbach) eine neue Siedlung durch die „GEBÖS“ (Gemeinnützige Baugenossenschaft Österreichischer Siedler und Mieter) geschaffen.40 Mit Beschluss des Gemeinderats vom 12. November 1964 wurde die durch diese Siedlung verlaufende Straße nach dem österreichischen Schriftsteller Alfons Petzold (*1882, †1923) benannt.41 Die Namensgebung geschah zweifellos auf Anregung der SPÖ-Vertreter im Gemeinderat, schließlich wird Petzold innerhalb der Sozialdemokratie als Arbeiterdichter verehrt. Schon anlässlich seines frühen Todes zeigten sich auch die Mistelbacher Sozialdemokraten betroffen und veranstalteten im Februar 1923, also knapp ein Monat nach seinem Tod, eine „Petzold“-Gedenkfeier mit Rezitationen aus seinem Werk im Hotel Rathaus.42

Später wurde die Alfons Petzold-Straße über die Neustiftgasse hinaus erweitert.

Wo befindet sich die Alfons Petzold-Straße?

Quellen:

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Herzog Albrecht-Straße

Wann Mistelbach das Recht zur Abhaltung eines Wochenmarktes erhielt und somit zum Markt erhoben wurde, ist nicht überliefert. Zweifellos muss es sich dabei um ein sehr altes Recht handeln, schließlich gab es bereits nahe der einstigen Burg auf dem Kirchenberg einen Marktplatz, der Anfang des 14. Jahrhunderts durch Anlage eines neuen, weitläufigen Marktes (=Hauptplatz) ersetzt wurde. Ein darüber hinausgehendes Privileg stellte das Recht zur Abhaltung eines Jahrmarktes dar, bei dem es sich, wie der Name bereits nahelegt, ursprünglich um ein einmaliges Ereignis im Jahresablauf handelte. Während bei den Wochenmärkten die Bauern aus der Umgebung ihre Waren anboten, brachte ein Jahrmarkt auswärtige fahrende Händler und in früherer Zeit auch Schausteller in den Ort und ein solches Ereignis zog die Bewohner der gesamten Region an. Die vielen Menschen, die zu diesen Anlässen herbeiströmten, bedeuteten für die hiesigen Wirtshäuser, Kaufleute und Handwerker gute Geschäfte und das Privileg zur Abhaltung solcher Jahrmärkte war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, dessen Verleihung damals dem Landesherrn vorbehalten war. Der Habsburger Herzog Albrecht III. (*1349, †1395), genannt „Albrecht mit dem Zopf“, regierte das Herzogtum Österreich von 1365 bis 1395, und verlieh dem Markt Mistelbach am 14. April 1372 erstmals das Recht zur Abhaltung eines Jahrmarktes zu Michaeli (29. September). Die Verleihung war der Dank des Herzogs für die treuen Dienste seines Oberstmarschalls Wernhard von Maissau, dem damaligen Besitzer des Marktes Mistelbach. Neben dem Michaelimarkt erhielt Mistelbach in den folgenden Jahrhunderten das Recht zur Abhaltung dreier weiterer Jahrmärkte: Pfingstmarkt (1597), Fastenmarkt (1614) und Adventmarkt (1626). Rund um diese Jahrmärkte wurden bis ins 20. Jahrhundert auch Spezialmärkte, bspw. Vieh- und Rossmärkte, abgehalten.

Die Urkunde über den durch Herzog Albrecht III. verliehenen Jahrmarkt befindet sich im StadtMuseumsarchivDie Urkunde über den durch Herzog Albrecht III. verliehenen Michaeli-Jahrmarkt befindet sich im StadtMuseumsarchiv

 

Jahrmarkt auf dem Mistelbacher Hauptplatz 1910Jahrmarkt auf dem Mistelbacher Hauptplatz 1910

Obwohl sie ihre einstige wirtschaftliche Bedeutung längst verloren haben, bestehen der Wochenmarkt und die vier Jahrmärkte bis heute.

Anfang der 2000er Jahre wurde mit der M-City (eröffnet 2005) ein neues Handelszentrum außerhalb des Stadtgebiets geschaffen, in dessen Umfeld sich in den Folgejahren weitere Handelsbetriebe angesiedelt haben. Bereits am 11. Dezember 2003 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat die zur M-City führende bzw. sie umlaufende Straße Herzog Albrecht-Straße zu benennen. Die Namensgebung soll an die Verleihung des ersten Jahrmarktrechts durch Herzog Albrecht III. erinnern, die einen ersten Schritt zur Etablierung Mistelbachs als regionales Handelszentrums darstellt. Im weiteren Sinne wurde damit zwischen altem (Hauptplatz) und neuem (M-City) Handelszentrum eine symbolische Brücke geschlagen.

Wo befindet sich die Herzog Albrecht-Straße?

 

Quellen:
-) Wortlaut der Urkunde aus 1372 abgedruckt in Bote aus Mistelbach, Nr. 12/1899, S. 6
-) Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 243
-) Koch, Univ.-Prof. Dr. Bernhard: Die wirtschaftliche Entwicklung Mistelbachs (bis ins 18. Jahrhundert) In: Mitscha-Märheim, Univ.-Prof Dr. Herbert (Hrsg.): Mistelbach Geschichte (1974),  S. 279 bzw.  Spreitzer, Prof. Hans: Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs In: Mitscha-Märheim, Univ.-Prof Dr. Herbert (Hrsg.): Mistelbach Geschichte (1974),  S. 203
-) Czacha, Don Clemens: Art. Mistelbach In: Verein für Landeskunde von Niederösterreich (Hrsg.): Topographie von Niederösterreich, Band VI, Heft 9-11 (1906), S. 619
-) Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 11.12.2003

Bildnachweis:
-) Jahrmarkt um 1910: aus der Sammlung von Frau Rehrmbacher
-) Abbildung der Urkunde über die Verleihung des Michaelimarkts aus Exl, Mag. Engelbert M. (Hrsg.): 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 169

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Edisongasse

Im November 1991 wurde im Gewerbegebiet an der Mitschastraße, hinter dem Baumarkt, das neu errichtete Bezirks-Fernmeldebauzentrum der staatlichen „Post- und Telegraphenverwaltung“ in Betrieb genommen und im darauffolgenden Juni in Anwesenheit des Generaldirektors auch offiziell eröffnet. Bereits in der Sitzung vom 6. März 1991 hatte der Mistelbacher Gemeinderat beschlossen die Zufahrtsstraße zu diesem Betriebsstandort nach dem US-amerikanischen Techniker und genialen Erfinder Thomas Alva Edison zu benennen, der die technische Entwicklung in vielen Bereichen, unter anderem auch in der Telekommunikation, maßgeblich vorantrieb. Nach der Umstrukturierung bzw. Privatisierung der Postbetriebe Ende der 1990er Jahre gehörte die in dieser Gasse befindliche Niederlassung zur A1 Telekom Austria.

Wo befindet sich die Edisongasse?

 

Quellen:
-) Englisch, Egon/Heisinger, Ludwig/Leithner, Johann/Kleibl, Karl: Die Geschichte der Post in Mistelbach – zum Jubiläum 150 Jahre Postamt Mistelbach 1849-1999 (1999), Band VII der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 29
-) Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert M. (Hrsg.): 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 238

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Dr.-Brunauer-Gasse (Eibesthal)

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Eibesthal fasste der Mistelbacher Gemeinderat am 18. März 1983 den Beschluss eine neben der Eibesthaler Pfarrkirche verlaufende Gasse nach dem langjährigen Pfarrer und Eibesthaler Ehrenbürger Dr. Anton Brunauer-Dabernig zu benennen. Laut Beschluss lautet der Name schlicht „Brunauer-Gasse“, doch hat sich der Straßenname im Laufe der Zeit zur heutigen Bezeichnung „Dr.-Brunauer-Gasse“ gewandelt. Nachdem Pfarrer Brunauer-Dabernig in Eibesthal oft schlicht als „Herr Doktor“ bezeichnet wurde, erscheint diese Ergänzung stimmig.

Wo befindet sich die Dr.-Brunauer-Gasse?

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Neydhart, Johann

Bürgermeister Johann Neydhart

* 29.7.1891, SiebenhirtenJohann Neydhart, Bürgermeister von Siebenhirten 1945 bis 1955
† 8.11.1977, Klosterneuburg

Johann Neydhart wurde 1891 als fünftes von acht Kindern des Landwirts Mathias Neydhart und dessen Gattin Anna, geb. Schodl, in Siebenhirten geboren.43 Neydharts Vater war auch in der Siebenhirtner Gemeindevertretung aktiv und gehörte in den 1890er Jahre dem Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) an.44 Der Name Neydhart (im Laufe der Jahrhunderte in wechselnder Schreibweise) lässt sich in Siebenhirten durch alte Urkunden jedenfalls bis ins Jahr 1414 zurückverfolgen.45 In der von Prälat Franz Stubenvoll verfassten Ortschronik finden sich in der Liste der Dorfrichter – Vorläufer des Bürgermeisters – auch folgende Personen, bei denen es sich wohl um Vorfahren bzw. Verwandte von Neydhart handelte: Matheus Neidhart (1608), Matthias Neidhart (1804-1812), Franz Neidhart sen. (1820), Franz Neidhart jun. (1826, 1830)

Sein Elternhaus, damals Nr. 59 (heute: Johann Neydhart-Weg Nr. 5), befand sich allerdings erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz46 und Neydhart wuchs hier mit einem Bruder (ein weiterer gleichnamiger Bruder starb vor seiner Geburt), und fünf Schwestern auf. Zweifellos absolvierte er die achtjährige Pflichtschulbildung in der damals zweiklassig geführten Volksschule in Siebenhirten. Da sein älterer Bruder Mathias die Wirtschaft der Familie übernahm in die er später einheiratete, war Johann Neydhart zum Nachfolger in der elterlichen Landwirtschaft (Halblehen) bestimmt. Weltpolitisches Geschehen stand dem jedoch zunächst entgegen, denn im Alter von 23 Jahren wurde er nach Ausbruch des 1. Weltkriegs zum k.k. Infanterieregiment Nr. 99 eingezogen und mit der 16. Kompanie dieser Einheit Ende Oktober 1914 an die Ostfront verlegt. Hier erlebte der Infanterist Neydhart kurz darauf seine Feuertaufe im Kampf gegen die Truppen des Zaren in der Schlacht am San in Galizien und wurde im August des Folgejahres verwundet.47 Da der Grad seiner Verwundung nicht überliefert ist, ist unklar, ob sein Kriegseinsatz damit endete oder er nach seiner Genesung wieder an die Front abrücken musste.

Im Zuge einer Doppeltrauung – gemeinsam mit einer seiner Schwestern – ehelichte er am 21. Februar 1922 Anna Maria Trischak (*1891, †1966), die Tochter eines Siebenhirtner Landwirts.48 Dieser Ehe entstammten eine Tochter und ein Sohn. Johann Neydhart jun. fiel 1944 im Alter von nur 18 Jahren in Frankreich und damit starb der männliche Stammhalter der Familie.49 Johann Neydhart selbst entrann 1938 nur knapp dem Tode als er gemeinsam mit seinem Nachbarn Johann Böhm in dessen Keller aufgrund der Bildung von Gärgas beinahe erstickt wäre.50

Ende Mai 1945 wurde Neydhart von der russischen Besatzungsmacht als Bürgermeister der Gemeinde Siebenhirten eingesetzt51, und in dieser Funktion später auch von dem durch den Drei-Parteien-Ausschuss der niederösterreichischen Landesregierung eingesetzten Gemeinderat offiziell bestätigt.52 Die erste Zeit seiner Tätigkeit als Bürgermeister war durch die Anwesenheit sowjetischer Soldaten im Dorf und der damit einhergehenden Begleiterscheinungen (Übergriffe, Willkür, Requirierungen) geprägt bzw. erschwert, und die Situation entspannte sich erst nachdem die Besatzungssoldaten 1946 aus Siebenhirten abgezogen wurden. Es galt die Kriegsschäden zu beseitigen, die Verwaltung und Versorgung wiederaufzubauen und Bürgermeister Neydhart schaffte dies allen Widrigkeiten der damaligen Zeit zum Trotz mit großem Erfolg. Bei den ersten Gemeinderatswahlen nach dem Krieg im Mai 1950 wurde er als Kandidat der Bauernbund-Liste (einer von zwei im Ort angetretenen ÖVP-Listen) in den Gemeinderat gewählt und schließlich im Amt bestätigt. Nach zehnjähriger Amtszeit als Bürgermeister hatte sich Neydhart entschlossen bei den Gemeinderatswahlen 1955 nicht erneut zu kandidieren und zog sich in weiterer Folge aus der Gemeindepolitik zurück. Die Ankündigung seines Rückzug bzw. die dadurch notwendige Nominierung eines Bürgermeisterkandidaten löste innerhalb der Siebenhirtner Volkspartei bzw. besser gesagt unter den ihr zugehörigen Bünden einige Spannungen aus, die letztlich auch dazu führten, dass die ÖVP bei der Gemeinderatswahl 1955 mit drei verschiedenen Listen antrat.53

Wenig überraschend war Neydhart bereits vor und auch nach seiner Zeit als Bürgermeister vielseitig im Vereins- und Gemeinschaftsleben des Dorfes engagiert: Seit seiner Jugend und letztlich mehr als 60 Jahre hindurch war er in der Chormusik der Pfarre aktiv.54 Weiters gehörte Neydhart seit 1908 der Freiwilligen Feuerwehr Siebenhirten an und war auch in diesem Verein über Jahrzehnte engagiert. Von 1933 bis 1937 war Neydhart außerdem Obmann der Siebenhirtner Milchgenossenschaft.55 Mit Sicherheit gehörte er auch bereits dem in der Zwischenkriegszeit bestehenden Militär-Veteranenverein an, schließlich war er später Obmann des in den 1950er Jahren gegründeten Siebenhirtner Ortsverbands des Österreichischen Kameradschaftsbundes.56 Von etwa 1950 bis 1964 war Johann Neydhart Pächter der Gemeindejagd und als ab 1965 eine Jagdgesellschaft als Pächter auftrat, deren Jagdleiter von 1965 bis 1971.57

1956 wurde ihm aus Anlass seines 65. Geburtstags und aufgrund seiner großen Verdienste als Bürgermeister während der Zeit der Besatzung und des Wiederaufbaus die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde verliehen.58 Auch seitens der Republik Österreich und des Bundeslandes Niederösterreich wurde Neydharts Einsatz für die Allgemeinheit in schwerer Zeit durch die Verleihung von Ehrenzeichen gewürdigt.59

Bereits 1952 hatten er und seine Gattin ihrer Tochter und dem Schwiegersohn das Haus überlassen, nachdem sie in ein im weitläufigen Vorgarten neu errichtetes kleineres Haus (Nr. 59a bzw. nunmehr Johann Neydhart-Weg Nr. 2) übersiedelt waren.60 Neydhart überlebte schließlich Gattin, Tochter und Schwiegersohn und da in der Häuserchronik der Ortsgeschichte von Prälat Stubenvoll ab 1975 andere Hausbesitzer aufscheinen61, liegt der Schluss nahe, dass er die letzten beiden Jahre seines Lebens vermutlich in einer Einrichtung für Senioren verbrachte. Gemäß einem Eintrag in den Pfarrmatriken, verstarb Johann Neydhart im November 1977 in Klosterneuburg, was ebenfalls für die im vorherigen Satz geäußerte Vermutung zu sprechen scheint. Seine sterblichen Überreste wurden im Familiengrab auf dem Siebenhirtner Ortsfriedhof beigesetzt.

Neydharts letzte Ruhestätte auf dem Siebenhirtner OrtsfriedhofNeydharts letzte Ruhestätte auf dem Siebenhirtner Ortsfriedhof

Im Zuge der Einführung von Straßennamen als Adressbezeichnung in der Katastralgemeinde Siebenhirten beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 7. März 2001 die Zufahrtsstraße zu Neydharts Geburtshaus in Erinnerung an den verdienten Altbürgermeister Johann Neydhart-Weg zu benennen.62 Somit tragen die beiden Häuser in denen Neydhart im Laufe seines Lebens wohnte heute seinen Namen in ihrer Adresse.

Wo befindet sich der Johann Neydhart-Weg?

 

Quellen:

Bildnachweis:
Portrait: Abb. 87 aus der Festschrift 200 Jahre Pfarre Siebenhirten (1984)
Foto Grab: Thomas Kruspel (2021)

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Johann Neydhart-Weg (Siebenhirten)

In der Sitzung vom 7. März 2001 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat im Zuge der Einführung von Straßenbezeichnungen in der Katastralgemeinde Siebenhirten eine Straße nach dem ehemaligen Siebenhirtner Bürgermeister und Ehrenbürger Johann Neydhart zu benennen. Es handelt sich dabei um die Zufahrtsstraße zu Neydharts einstigem Wohnsitz, wobei der ursprünglich vorgesehene u-förmige Straßenverlauf mit zweifacher Einmündung in die Dorfstraße bislang nicht realisiert wurde.

Wo befindet sich der Johann Neydhart-Weg?

 

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